Ergotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Ergotherapie mit Kindern

Auch Kinder haben das Bedürfnis „tätig zu sein“, ihre Umwelt durch ihr Handeln zu verändern und die Welt um sich herum zu entdecken.

Kinder möchten die Aufgaben und Herausforderungen, die ihnen ihr Alltag stellt, selbstständig meistern. Das selbstständige Bewältigen ist auch wichtig, denn so erleben sich Kinder als selbstwirksam – schwierige Situationen, die gelöst werden können sind Lern- und Erfolgserlebnisse, die das Selbstbewusstsein und Vertrauen in sich und die eigenen (Handlungs-)Fähigkeiten stärkt.

Der Alltag von Kindern ist bunt und je nach Alter und Entwicklungsstand ist es interessant, bestimmte „Meilensteine“ in der Entwicklung zu meistern und Lernerfahrungen zu machen.

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Kinder können bei der selbstständigen Durchführung der für sie wichtigen Handlungen im Alltag aufgrund einer Erkrankung oder anderer, oft vielfältiger Faktoren, Schwierigkeiten haben.

Ergotherapie kann Kindern mit folgenden Problemen helfen:

Indikationen für Ergotherapie (Beispiele)

Mit den folgenden Beispielen möchte ich Störungsbilder und Problembereiche, die Kinder in die Ergotherapie führen können, beschreiben. Häufig ist es aber so, dass Schwierigkeiten im Alltag nicht eine Ursache haben, sondern durch mehrere Faktoren bestimmt sind.

  • Entwicklungsverzögerungen oder Entwicklungsstörungen

    Damit meint man, dass das Erreichen so genannter „Meilensteine“ der kognitiven, sprachlichen und oft auch der motorischen Entwicklung im Vergleich zu Gleichaltrigen erheblich verzögert oder ausgeblieben sind. Im Alltag fällt es den Kindern schwer, sich an die Anforderungen des täglichen Lebens anzupassen und sie benötigen mehr Unterstützung im Alltag (z.B. beim An- und Ausziehen, Essen, Körperhygiene, u.v.m.). Weitere Symptome können eingeschränktes Spiel- und Lernverhalten sein.
  • Schwierigkeiten in der Handlungs- und Bewegungsplanung (Dyspraxie)

    Kindern, die Probleme in der Handlungsplanung haben, fällt es schwer, eine Idee von einer Handlung (z.B. Orange auspressen) zu haben, die Handlungs- und Bewegungsschritte zu planen und durchzuführen.
    Beispiel „Orange auspressen“ — Ausgangssituation: Vor dem Kind liegen die Orange, ein Messer und eine Zitronenpresse, die allerdings aus zwei Teilen besteht, die nicht zusammengesetzt sind… Ein Kind mit Dyspraxie braucht Unterstützung, um die einzelnen Schritte (Presse zusammensetzen, Orange teilen, Orange mithilfe der Presse auspressen) in der richtigen Reihenfolge und Handhabung (Bewegungsablauf- und koordination, Kraftdosierung) durchzuführen.
  • Probleme in der motorischen Entwicklung

    • Feinmotorisch: Kinder haben z.B. Schwierigkeiten beim selbstständigen Öffnen und Schließen von Reißverschlüssen und Knöpfen, beim Schneiden mit der Schere, beim Umgang mit Besteck
    • Graphomotorisch: Kinder haben z.B. Schwierigkeiten beim Schreiben und/oder Zeichnen, Stift entspannt halten und führen
    • Grobmotorisch: Kinder mit grobmotorischen Problemen wirken häufig „tollpatschig“ und „ungeschickt“. Ballfangen und -werfen, Treppensteigen, Hüpfen können schwerfallen und meist werden motorisch komplexe Handlungen wie Rad- oder Rollerfahren vermieden und spät erlernt.
  • Auffälligkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung

    Bei Auffälligkeiten in der Wahrnehmungsverarbeitung ist die Aufnahme und Verarbeitung von Sinnesinformationen bzw. -reizen sowie die Reaktion darauf beeinträchtigt.
    • Oberflächensensibilität (taktil-kinästhetisch):
      Je nachdem ob eine Hyper- oder Hyposensibilität vorliegt, sind Kinder besonders schmerz- und/oder temperaturempfindlich oder unempfindlich, reagieren sensibel auf Körperkontakt, können Probleme haben, Gegenstände und deren Oberflächenbeschaffenheit/Form durch Berühren und Greifen zu erkennen
    • z.B. Tiefensensibilität (propriozeptiv):
      Beispiel: Kinder können Probleme haben, sich selbst und ihre Körpergrenzen wahrzunehmen, wodurch die Bewegungsplanung und -ausführung und Kraftdosierung beeinflusst wird und auch die Orientierung im Raum und zu seinem Körper schwierig ist
    • z.B. Gleichgewichtssinn (vestibulär)
      Beispiel: Kinder mit Auffälligkeiten in der vestibulären Reizverarbeitung reagieren meist überempfindlich auf vestibuläre Reize und vermeiden entsprechende Situationen (z.B. Schaukeln, Karusselfahren). Probleme, die im Alltag entstehen können, sind, dass Kinder in ihrer Bewegung eingeschränkt sind (z.B. Anhalten am Geländer beim Treppensteigen) und in gewissen Situationen Angst haben und sich zurückziehen. 
  • Teilleistungsschwächen

    Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten: Lese-Rechtschreib-Störung, Rechenstörung 
  • Auffälligkeiten in neurophysiologischen Leistungen

    Kinder können Probleme in den Bereichen Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit haben. Im schulischen Alltag zeigen sich die Schwierigkeiten häufig im Unterricht oder beim Hausaufgaben machen (z. B. leichte Ablenkbarkeit, vorzeitiges Abbrechen von Tätigkeiten). 
  • ADS/ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne oder mit Hyperaktivität)

  • Ergotherapie bei Kindern mit Verhaltens- und emotionalen Störungen

  • Ergotherapie bei Kindern mit Autismus

  • Körperbehinderungen

    Muskeldystrophien, Schädigungen des Zentralen Nervensystems (ZNS) wie Zerebralparese (CP), Fehlbildungen des Skelettsystems sowie erworbene und traumatische Hirnschädigungen

Was man in der Ergotherapie tut und wie der ergotherapeutische Prozess bei mir verläuft können Sie hier nachlesen: „Ergotherapeutischer Prozess

Ergotherapeutischer Prozess

Quellen:
Ayres, Jean A. (2002). Bausteine der kindlichen Entwicklung. Springer-Verlag.
Becker, Heidrun, Steding-Albrecht, Ute (Hrsg.) (2015): Ergotherapie im Arbeitsfeld Pädiatrie. Georg Thieme Verlag.
Baumgarten, Astrid, Strebel, Helen (Hrsg.) (2016): Ergotherapie in der Pädiatrie. Schulz-Kirchner Verlag.
Nacke, Angelika (2005). Ergotherapie bei Kindern mit Wahrnehmungsstörungen. Georg Thieme Verlag.